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Von wegen Eigenverantwortung - Polizei ignoriert eigene Ankündigungen

Artikel, 12.04.2015

Die Polizei in Wattenscheid hat gestern, an diesem wichtigen Tag für die Uerdinger Fanszene, bei so ziemlich jeder Gelegenheit für Kopfschütteln gesorgt. Der offene Brief, der unter anderem die Anreise und die Eigenverantwortung der Fans thematisierte wurde so zu einer beispiellosen Farce.

[i]"Unser Konzept die beiden Fanlager strikt zu trennen ist aufgegangen"[/i] - so oder so ähnlich wird es vermutlich wieder einmal im Polizeibericht zum Spiel SG Wattenscheid - KFC Uerdingen stehen; dabei ist das aber auch das einzige, worauf Polizeieinsatzleitung und Landesinnenminister gestern stolz sein können. Nach der Ankunft in Wattenscheid wirkte alles erst noch recht normal und wir wurden von acht Uniformierten in Empfang genommen. Auf dem Bahnhofsvorplatz konnte man das erste Mal skeptisch werden, denn dort parkten zu dem Zeitpunkt rund zehn Polizeifahrzeuge in verschiedenen Farben und Größen. [i]"Über den Bahnhof Wattenscheid mit der Niederflurbuslinie 365 dauert die Anfahrt ca. 10 Minuten bis zur Haltestelle Lohrheidestadion."[/i] - [b]Polizei Bochum[/b] Die im Brief vorgeschlagene Anreise über die Linie 365 schien nicht wirklich jemand dort auf dem Zettel zu haben, also schlug die Fanszene den knapp 3.5 Kilometer langen Weg zum Lohrheidestadion zu Fuß ein. In der Vergangenheit sind wir auch schon für 300 Meter-Wege in Busse gedrückt worden. Aber es war ja noch früh am Tag - bis auf die zwei Fans mit Krücke sollte so ein Weg ja problemlos machbar sein ... Begonnen wurde der Marsch auf dem rechten Fahrstreifen für etwa 200 Meter, danach entschied sich der Fahrer eines Polizeibusses dafür, dass er diesen Fahrstreifen auch alleine blockieren könnte, also fuhr er die gesamten 3.5 km in Schrittgeschwindigkeit neben dem Mob her, alles für die Sicherheit der Fans. Endlich am Stadion angekommen wurden wir ausdrücklich gebeten den Stehplatzeingang zu benutzen. Von Seiten der Ultras Krefeld wurde bereits früh im Vorfeld angekündigt gemeinsam für die bessere Akustik auf die überdachte Sitzplatztribüne zu gehen. Dies passte allerdings den Ordnungskräften auf Seiten der Wattenscheider nicht und so konnten nur Fans, die eine individuelle Anreise antraten und bereits ein Sitzplatzticket hatten auf die überdachte Tribüne. Bei starkem Wind und leichtem Schauer war das in der ersten Halbzeit nicht ganz so angenehm, aber zumindest spielerisch lief es ja ganz gut. Vor dem Spiel verhandelten Fans und auch Vereinsvertreter noch mit Wattenscheid, die Gästekassen unter Tribüne zu öffnen, aber 20 Minuten vor Spielbeginn waren schließlich doch alle Angereisten auf den Stehplätzen zu finden. Alle Fans genossen das Spiel, trotz ekligem Wetter und feierten den KFC mit einem schon lange nicht mehr dagewesen Elan, auch lange nicht mehr angestimmte Lieder waren gestern zu hören - die Stimmung war so gut wie schon lange nicht mehr. Auch an den vor kurzem viel zu früh verstorbenen Sascha Wiege aus der Fanszene wurde mit einem Transparent gedacht. Für die Rückfahrt waren augenscheinlich noch mehr Polizisten dazugestoßen - von dem oft genannten aber selten erreichten 1:1-Verhältnis war die Bochumer Polizei nicht all zu weit entfernt. Das war wohl mit der Eigenverantwortung der Fans gemeint … [i]"Die Polizei Bochum setzt auf die Eigenverantwortung der Fans und vertraut auf ihr verantwortliches und friedliches Handeln, deshalb reduziert die Polizei Bochum ihre sichtbare Präsenz rund um dieses Fußballspiel auf das notwendige Maß."[/i] [i][/i]- [b]Polizei Bochum[/b] Eingeschlagen werden musste wieder ohne Pardon der Fußweg zum Bahnhof Wattenscheid. Auch der Versuch in eine Tram zu gelangen, die den Mob zum Bochumer Hauptbahnhof gebracht hätte wurde von den in blau und grün gekleideten Beamten (in den Farben getrennt, in der Sache vereint) verhindert. Paradox, denn auch diese Route wurde im Brief vorgeschlagen: [i]"Eine Anreise über den Hauptbahnhof Bochum mit Straßenbahnen der Linie 302 [...] ist ebenfalls möglich."[/i] - [b]Polizei Bochum[/b] Wie es das Schicksal also wollte, ging es zu Fuß zurück. Der Zug nach Krefeld wurde - selbstverständlich - knapp verpasst, mit Bus wäre das kein Thema gewesen. Am Wattenscheider Bahnhof warteten die Fans dann auf einen neuen Zug. Ein paar Hopper aus Mannheim wurden derweil noch kontrolliert, da sie nicht in den von der Polizei vorgesehenen Zug steigen wollten, sondern in den vom Nachbargleis - Reisefreiheit sieht anders aus. Insgesamt war es also ein mehr als bescheidener Auftritt der Beamten - immerhin: Über Verstöße gegen das Glasflaschenverbot haben sie hinweggesehen, was den Verdacht aufkommen lässt, dass die Ankündigungen der Polizei einfach von keinem Beamten gelesen wurden. Ansonsten bot das Verhalten eine Menge Konfliktpotential, was sich vermutlich vor allem dadurch nicht entfaltete, da unser KFC dieses so wichtige Spiel mit sehr souveräner Leistung gewonnen hat. Es bleibt zu hoffen, dass in der nächsten Saison und in den restlichen Spielen auch diese Kritik bei den Verantwortlichen ankommt, denn so schlecht wie gestern ist unsere Fanszene schon lange nicht mehr behandelt worden. Besonders mit Blick auf den offenen Brief der Polizei, fühlte man sich gestern sehr hintergangen. Lediglich, dass auf den Einsatz von Ganzkörperuntersuchungen, Hartgummi und Pfeffer verzichtet wurde, bleibt noch zu erwähnen, ansonsten aber sicher ein toller Tag für alle gestern im Einsatz gewesenen Beamten. Wenn man gar nicht vor hat, den Fans die zustehenden Grundrechte zu gewähren, kann man sich in Zukunft auch solche offenen Briefe sparen.