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"Ein Moment der Ekstase" - Interview mit René Vollath

Interview, 08.06.2018

René Vollath, geboren 1990, kam vor der Saison vom Karlsruher SC nach Uerdingen in die Grotenburg. Mit gerade einmal 24 Gegentoren in 31 Spielen hatte René einen entscheidenen Beitrag zum Aufstieg. Gerade in den Aufstiegsspielen hat er eine große Ruhe ausgestrahlt und uns im Hinspiel vor einem Rückstand bewahrt. Schluesselszene.net sprach exklusiv mit René über die abgelaufene Saison, die Aufstiegsspiele, den Lizenzentscheid und seine Pläne für die Zukunft.



René, erstmal Glückwunsch zum Aufstieg, der ja nun endlich in trockenen Tüchern ist. Wie fühlst Du Dich?

Mittlerweile bin ich nach dem Gefühlschaos endlich runtergekommen. Zur Zeit bin ich noch etwas geschlaucht von der Saison und der Achterbahnfahrt der letzten Woche, aber irgendwie geht der Blick schon langsam wieder Richtung Vorbereitung und die neue Saison in der 3. Liga.


Zum Schluss der Saison habt ihr aus 12 Spielen 11 Siege geholt und ohne die Relegationsspiele 10 Spiele in Folge gewonnen. Hast Du so etwas schon einmal erlebt?

Unsere Siegesserie ist ein unglaublicher Erfolg, ich denke keiner von uns hat so etwas schon mal erlebt


Bereits im ersten Spiel unter Stefan Krämer, das 7:0 gegen Rhynern, hatte man das Gefühl, die Mannschaft spielt total entfesselt. Wie schafft ein Trainer, dass eine Mannschaft so ausgewechselt ist und spielt?

Wir haben schon in der Hinrunde einige sehr gute Spiele abgeliefert und waren uns sicher, dass der Knoten früher oder später platzen wird. An den dafür nötigen Stellschrauben hat Stefan Krämer gedreht und das hat zum Erfolg geführt.


Wie unterscheiden sich der Trainer Stefan Krämer vom Trainer Michael Wiesinger?

Im Grunde unterscheiden sie sich nicht groß, beide sind ehrliche Typen, die Arbeit und Leidenschaft einfordern. Das einzige ist eventuell die taktische Ausrichtung, nicht auf das Spielsystem geprägt, sondern auf die Art und Weise des Denkens. Am Ende des Tages muss man, wie auch schon Stefan Krämer betont hat, sagen, dass beide Trainer große Anteile am Aufstieg haben.



Wie hast Du denn aus Deiner Sicht die Aufstiegsspiele erlebt? Das Hinspiel war sehr knapp, Du hast ein paar Mal hervorragend den Rückstand verhindert. Das Rückspiel dann mit dem Spielabbruch. Du standst vor der Mannheimer Kurve und wurdest auch mit Böllern beschossen und beworfen.

Die Relegation war etwas ganz Besonderes, das sind Spiele in denen sich zeigt ob du funktionierst oder nicht. Top oder Flop Spiele (in dieser speziellen Aufstiegssituation sicher unnötig) liegen mir. Gerade wie in Mannheim, wenn das ganze Stadion gegen dich ist, macht es mir komischerweise am meisten Spaß. Natürlich muss man sagen: Emotionen ja, von mir aus auch „kontrolliertes“ Pyroabfackeln und damit untermalte Choreos, Beleidigungen oder Sprüche gegen die Spieler, aber wenn unschuldige Zuschauer wie beispielsweise unsere Frauen auf der Tribüne beleidigt, bespuckt und bedrängt werden oder wie in meinem Fall bewusst Böller, die keinen „Mehrwert“ an Emotionen bringen, auf Menschen geworfen werden, dann hört der Spaß auf. Diese Leute schreiben sich Emotionen auf die Fahne und zerstören ebendiese mit ihrem unfassbaren Verhalten. Wenn ich gewinne, gewinne ich mit Anstand, und wenn ich verliere dann erhobenen Hauptes und ohne Gesichtsverlust, das kann man in diesem Fall eher nicht behaupten. Wobei die Waldhofer Spieler keine Schuld trifft.


Du fungierst ja seit einigen Jahren gelegentlich als Amateur Schiedsrichter. Wie hättest Du Dich in einer Situation wie in Mannheim als Schiedsrichter verhalten?

Man muss sagen, dass sich Patrick Ittrich vollkommen richtig verhalten hat. Die erste Unterbrechung kam genau zum richtigen Zeitpunkt und der Spielabbruch war unumgänglich, ich hätte sicher genauso gehandelt.


Auch nach der Spielwertung war der Aufstieg dann für einige Tage nochmal auf der Kippe. Wann und wie hat die Mannschaft von der möglichen Fristverletzung erfahren? Wie war die emotionale Situation danach?

Wir haben das durch eine Kicker-Eilmeldung erfahren und standen dann, ebenso wie der Verein, erstmal ein paar Tage ohne konkrete Informationen da. Über dieses Thema wurde aber bereits genug gesprochen und geschrieben, am Ende des Tages war die Entscheidung aufgrund der gesamten Ablaufs vollkommen richtig, auch die Dauer und die genaue Prüfung des Verfahrens waren notwendig um alles juristisch wasserdicht zu klären. Ich denke, mein Facebook Post beschreibt die Gefühlslage der Mannschaft und ihrer Familien ganz gut, jetzt sind wir aber alle einfach froh und glücklich, nicht um unsere harte Arbeit gebracht worden zu sein.


Nach Mannheim haben Euch mehr als 3.500 Fans begleitet und das ganze Spiel über lautstark unterstützt. Wie hat die Stimmung auch das Spiel beeinflusst?

Natürlich haben unsere Fans auch einen Anteil am Erfolg, gerade in den Relegationsspielen. Sicher in Erinnerung bleiben wird der Moment der Ekstase beim 1:0 Führungstreffer im Hinspiel der Relegation, das war der absolute Wahnsinn. Der Funke ist während der Saison auf das Publikum übergesprungen und wir reiten auf einer emotionalen positiven Welle. Die letzte Woche hat aber auch gezeigt, dass der Zusammenhalt zwischen Fans und Verein auch in einer schwierigen Situation Bestand hat, genauso muss es nächste Saison weitergehen.


Themenwechsel: Wie bist Du zum Fußball gekommen?

Kleine Anekdote: Mein Vater, selbst ein Jahr Profifussballer beim Glubb, hat mir das in die Wiege gelegt. Er bestand allerdings darauf, dass ich alle Positionen spielen dürfte, außer Torwart, weil das die wohl „beschissenste“ Position in den meisten Momenten im Fußball ist. Irgendwann hat mir meine Mutter dann Torwarthandschuhe gekauft und als die erste Einladung für die U-Nationalmannschaft kam, habe ich aufgehört „nebenbei“ als Stürmer zu spielen.


Und am Anfang der Saison dann der Wechsel von Karlsruhe nach Krefeld. Wie kam der Wechsel zustande?

Der Abgang aus Karlsruhe war extrem bitter und traurig für meine Frau und mich. Wir beide waren dem KSC sehr verbunden, ich als Spieler und meine Frau als Mitarbeiterin im Merchandise. Auch nach dem Abstieg aus der 2. Liga wären wir dem Verein treu geblieben und wollten mithelfen wieder aufzusteigen. Beim Verein sah man das trotz vier gemeinsamen Jahren irgendwie anders und hat auch so kein gutes Wort nach außen über mich verloren. Der Wechselgrund lag dann hauptsächlich an Michael Wiesinger, der mich, gemeinsam mit dem Vorstand, von der Chance überzeugte, beim KFC Uerdingen gemeinsam etwas aufzubauen. Diese Chance habe ich gesehen und gemeinsam mit der Truppe genutzt. Jetzt kann ich nächstes Jahr wieder im Wildpark spielen. Allerdings als Gegner und hoffentlich mit drei Punkten im Gepäck auf der Heimfahrt.


Worin unterscheidet sich die Arbeit beim KFC von der Arbeit beim KSC?

Beim KFC läuft alles tatsächlich familiärer ab, beinahe jeder kennt jeden und alle versuchen gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Die Arbeit auf dem Platz ist natürlich genauso professionell wie beim KSC. Als Torhüter ist mir das Torwarttraining unter Manni Gloger sehr wichtig. Unter ihm bin ich wieder an mein ursprüngliches Leistungsniveau gekommen. Allerdings muss man sagen, dass sich die Strukturen im Verein sehr unterscheiden. Alles drumherum wie beispielsweise Merchandise und Marketing hat beim KSC eine eigene Abteilung, während bei uns auf der Geschäftsstelle jeder Mitarbeiter „irgendwie für alles“ zuständig ist. Das ist allerdings dem schnellen sportlichen Erfolg geschuldet, muss aber natürlich jetzt schnell mitwachsen um mit der Entwicklung Schritt zu halten.


Der Umbruch vor der letzten Saison war ja sehr groß, es ist quasi eine komplett neue Mannschaft zum KFC gekommen. Gehst Du davon aus, dass uns wieder so ein Umbruch bevor steht?

Ich denke, dass die Spieler letztes Jahr bereits so verpflichtet wurden, um auch in der 3.Liga eine gute Rolle spielen zu können. Das soll keinerlei Abwertung gegen die Spieler aus der Oberligasaison sein, ich habe einige persönlich kennengelernt und habe natürlich für jeden Spieler, der in so einer „Entwicklung“ unten durchfällt, Verständnis.


Nun also die dritte Liga. Du hast ja auch viele Spiele in der 3. Liga und einige in der 2. Liga absolviert und bereits Erfahrung gesammelt. Worauf kommt es nächste Saison für den KFC in der 3. Liga besonders an?

Wir müssen die Euphoriewelle mitnehmen, ohne direkt durchzudrehen. Die 3.Liga wird nächstes Jahr extrem stark und eng sein, wir müssen in jeder Situation noch einen Schritt mehr machen um weiter mithalten zu können. So wie ich unsere Jungs aber kenne ist bei keinem der „Erfolgshunger“ gestillt.


Mikhail Ponomarev hat bereits angekündigt, dass sein Ziel die zweite Liga ist, möglichst schnell. Wie schätzt Du die Liga aktuell ein und wen siehst Du als Favoriten auf den Aufstieg?

Da ich die Kaderzusammenstellungen der anderen Vereine noch nicht kenne, kann ich keine Favoriten ausmachen, wie gesagt, es wird sicher eine sehr enge Liga werden.


Der KFC wird die komplette Saison seine Heimspiele in Duisburg austragen. Vor- oder Nachteil?

Der Nachteil liegt sicher an der emotionalen Bindung an die Grotenburg. Das ist unser Stadion, unser „Wohnzimmer“. Allerdings muss einfach sehr viel nachgeholt werden und der Vorteil am Duisburger Stadion wird, trotz Doppelbelastung, auf jedenfall die Qualität des Rasens sein.


Die meisten Fußballer gelten als abergläubisch. Hast Du bestimmte Rituale? Oder bereitest Du Dich auf die Spiele besonders vor?

Am liebsten schlafe ich zuhause und verbringe den Abend mit meiner Frau Annkatrin und unsere beiden Katzen. Da wird gut gegessen und ich kann zuhause am besten entspannen. Am Spieltag selbst haben wir als Mannschaft immer denselben Ablauf. Vor dem Aufwärmen kommt gute Musik in der Kabine und falls ich noch eine spezielle Motivation brauche setze ich Kopfhörer auf. Ansonsten versuche ich recht ritualfrei durch das Fußballerleben zu kommen. Wenn ich mich allerdings ausnahmsweise nicht so gut fühle greife ich auf spezielle Mentaltechniken, beispielsweise Selbstkonditionierung, zurück.


Letzte Saison habt ihr sehr viele Siege eingefahren. Braucht man eine spezielle Strategie, mit den Siegen umzugehen, um beim nächsten Spiel wieder zu 100% da zu sein?

Nein, wie gesagt der Erfolgshunger der Mannschaft ist größer als die Angst vorm Verlieren.Ich selbst halte es mit dem Sprichwort eines bekannten Torwart-Kollegen „Immer weiter, immer weiter“.


Du hast während der Lizenzgeschichte einen offenen, sehr emotionalen Brief an den DFB geschrieben. Die Medien greifen so etwas natürlich gerne auf. Wie waren die Reaktionen auf den Brief?

Die große Masse und auch die „Big-Player“ der Medienwelt haben sehr positiv und mit Empathie darauf reagiert. Ich denke das lag daran, dass die Emotionen echt und nicht gestellt waren. Einige Dummköpfe haben natürlich wieder kommentiert / gesprochen ohne nachzudenken und sich an einzelnen Worten wie „Existenzen“ festgebissen. Natürlich verdienen wir alle gutes Geld, aber keiner dieser Leute weiß irgendetwas über die privaten Verhältnisse der Spieler, vielleicht gibt es kranke Familienmitglieder die finanziellen Aufwand erfordern. Noch dazu verdienen Fußballer nicht ihr Leben lang mit ihrem Job ihr Geld, sondern eben nur begrenzte Zeit. Genauso besteht ein Verein nicht nur aus Spielern, sondern auch anderen Mitarbeitern, die dann genauso in die Röhre schauen. All jenen Menschen empfehle ich erst nachzudenken bevor sie etwas schreiben, allerdings bezweifle ich bei manchen ob die Kapazitäten dafür überhaupt vorhanden sind.


Dein Vertrag läuft jetzt noch ein Jahr beim KFC. Wie sind Deine Zukunftspläne?

Bisher ging mein Plan mit dem KFC Uerdingen voll auf, doch ich bin noch lange nicht am Ziel. Mein Vertrag hat sich durch den Aufstieg um ein weiteres Jahr verlängert. Falls also nächstes Jahr nicht Bayern München oder Real Madrid anrufen, bin ich auch in der nächsten Saison noch hier :-)


Für welchen Verein würdest Du gerne nochmal auflaufen?

Ich kann mir gut vorstellen europaweit in anderen Ligen zu spielen. Auslandserfahrungen sind immer sehr reizvoll. Einen speziellen Verein habe ich dabei nicht im Blick.


Hast Du ein Idol?

Früher eine Mischung aus Kahn und Lehmann. Emotionalität, Aggressivität und Abgeklärtheit, die perfekte Mischung wäre erstrebenswert. Mittlerweile muss ich jedem Torwart Respekt zollen, der es schafft langfristig auf höchstem Niveau Fußball zu spielen.


Stichwort Fußball WM. In einer Woche geht’s los! Schaust Du Dir die Spiele an?

Ja natürlich, vorwiegend die Spiele mit deutscher Beteiligung


Wer wird Weltmeister?

Hoffentlich Deutschland


Abschließend: Gibt es eine Botschaft an die Leser und Fans, die Du loswerden möchtest? Und was wünschst Du Dir für die neue Saison?

Bringt alle eure Freunde mit ins Stadion und unterstützt uns genauso wie letzte Saison. Lasst uns gemeinsam den KFC zu altem beziehungsweise neuen Glanz führen und die entstandene Euphorie mitnehmen und weiterleben. Auch für Rückschläge, die sicher hier und da kommen werden brauchen wir volle Unterstützung. Nur gemeinsam können wir unsere Ziele erreichen.


Danke, René Vollath!



Das Interview führte Tim Krug