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Text über Uerdingen/Fußball

22 Antworten

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Autor Beitrag
Johannes
vor 2 Jahren | Zuletzt bearbeitet vor 7 Monaten #1

Vielleicht einigen hier bekannt: Ich bin Autor und lese meine Texte regelmäßig auch vor Leuten vor. Nun bin ich eingeladen worden, in der nächsten Woche beim "Soccer Slam" im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund aufzutreten, u.a. moderiert von Patrick Owomoyela. Bislang habe ich mich immer davor gedrückt, einen Text zum Thema Fußball zu schreiben, aber da ich dort einen brauchen werde, habe ich das Folgende geschrieben. Ist im Grunde "nur" ein Text über mein Fan-Dasein seit 2001 & ich musste mich auch einigermaßen kurz halten und einiges erklären, was ihr nicht erklärt bekommen müsst - das Publikum aber wohl schon. ;-) Sagt mir gerne, was ihr davon haltet, immerhin vertrete ich da nächste Woche unsere Farben. 


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Wie jede vernünftige Liebesgeschichte beginnt auch diese mit einer Enttäuschung. Bei meinem allerersten Stadionbesuch im Dezember 2001 verliert der KFC Uerdingen das Elfmeterschießen gegen den 1. FC Köln und fliegt aus dem DFB-Pokal. Uerdingen ist ein Stadtteil von Krefeld, was in den Achtzigern, zu den erfolgreichen Zeiten des Vereins bundesweit sicherlich noch mehr Leute wussten. DFB-Pokalfinalsieg gegen Bayern München 1985, im Jahr darauf das laut 11 FREUNDE „Beste Fußballspiel aller Zeiten“ gegen Dynamo Dresden (7:3). Zwischen 1971 und 1999 pendelt der Verein als „Bayer 05 Uerdingen“ zwischen erster und zweiter Liga hin und her - all diese Ruhmesgeschichten habe ich lang und breit erzählt bekommen, von all denen, die mit dabei sein durften. Die berühmte Gnade der frühen Geburt. 2001 ist es „nur“ das DFB-Pokalachtelfinale, das ich mit meinem Großvater auf der Nordtribüne sehe. Spannendes Spiel, volles Stadion, Verlängerung, Elfmeterschießen, Köln hat das glücklichere Ende. Na gut, schade, dann eben beim nächsten Mal, dachte ich. Hätte man mir gesagt, dass diese Niederlage bis zum heutigen Tage mein letztes DFB-Pokalspiel mit dem Verein bleiben sollte, ich wäre vielleicht nie wieder hingegangen - oder gerade deswegen, keine Ahnung. Uerdingen ist ein Underdog, Uerdingen ist uncool, den meisten egal oder unbekannt, Uerdingen ist ein Verein, mit dem ich mich identifizieren kann. Uerdingen ist mein Verein.


Die Fangesänge, die Schnelligkeit und das ganze Drumherum. Wie unnötig, wie toll das alles war. Ich verliebte mich sogleich an die fesselnde Ungerechtigkeit dieses Sports, bei dem nicht zwangsläufig der Bessere oder der Fleißigere gewinnt. Geld schießt keine Tore, der Zufall schon. Ach, Fußball. Es ist unmöglich, Nicht-Fußballfans zu erklären, was diesen Sport so besonders macht. Sind ja bloß 22 Leute, die einem Ball hinterherlaufen. Ja, aber braucht es denn mehr? In der Schule trugen sie allesamt Schalke-, Bayern oder Gladbach-Trikos – und ich ein blau-rotes von Benjamin Baltes. Guckt ihr euch ruhig Michael Ballack und Patrick Owomoyela im Fernsehen an, dachte ich mir, ich jubele Benjamin Baltes zu. Live, im Stadion, in echt. Jede Woche. Jedenfalls, damit das hier nicht viel zu lang wird: Ich habe dann in der Folge nicht bloß keine DFB-Pokalspiele meines Vereins mehr gesehen, sondern dank diversen Abstiegen & Insolvenzen vor allem Viert-, Fünft- und Sechstligafußball. Irgendwann haben wir dann auch noch den abgehalfterten „Kugelblitz“ Ailton verpflichtet und Fußball-Deutschland konnte sich zwischen Häme und Mitleid nicht so recht entscheiden. Hier mal eine lose Auflistung von ein paar Gegnern, die ich gegen uns habe spielen sehen: Wülfrath, Cronenberg, Nettetal, Viersen, Kapellen-Erft, Dornberg, Baumberg, Hönnepel-Niedermörmter, Rhede, Schlotzental, Goch und Hiesfeld. Gut, einer dieser Orte ist ausgedacht, aber Hönnepel-Niedermörmter ist es nicht, da habe ich uns mal mit 1:2 verlieren gesehen. „Eines Tages wird’s gescheh’n, ja, da fahren wir nach Mailand, nur um Uerdingen zu sehen“ ist ein zu dieser Zeit gern gesungener Fangesang, Trotzig, stolz und irgendwie auch traurig, wenn man ihn singt und dann 1:3 bei Straelen II verliert.


Vorletzte Saison sind wir nach 12 Siegen aus den letzten 13 Spielen Regionalligameister geworden, haben die Relegationsspiele gegen Waldhof Mannheim gewonnen - und ich feierte drei Tage & Nächte lang die Rückkehr in den Profifußball. Der Lohn für all den Spott, die Häme in den vergangenen Jahren, für jedes „die verlieren doch eh, was gehst du da denn überhaupt noch hin“. Ich dachte an all die Leute, die seit Jahren mit um die Dörfer getingelt sind, Hoffnung geschöpft haben, Verantwortliche und Spieler haben kommen und gehen sehen & die mit mir bei der Meisterfeier noch glückselig durch die Stadt gepurzelt waren. Was war das für ein Gefühl, davon träumen zu dürfen, dass nun alles anders werden würde, vielleicht ein bisschen wie früher, bei denen mit der Gnade der frühen Geburt. Und dann: Wegen eines Formfehlers, einer möglicherweise zu spät getätigten Überweisung verweigert der DFB dem KFC zunächst die Zulassung zur 3. Liga. Die Existenz des gesamten Vereins stand auf der Kippe, weil unser zahlungskräftiger Präsident sich bei einem Nicht-Aufstieg wohl zurückziehen würde. Jemand verglich es damit, kurz vor der Eheschließung würde der Traumpartner doch noch wegrennen. Ja, genauso fühlte es sich an. Ich fühlte mich betrogen. Um um jede Träne und jeden Jubel, den dieser beschissen-schöne Scheiß-Sport mir jemals beschert hatte. Dabei hatte es Opa damals vermutlich nur gut mit mir gemeint, als er mich überredete, wir könnten doch mal ins Stadion gehen.


Die Verkündung der endgütigen Lizenz-Entscheidung des DFB verfolgte ich in einer Krefelder Sportkneipe. Seit Tagen lag der Ball auf dem eigenen Elfmeterpunkt, unserem Torhüter waren die Augen verbunden und der gegnerische Schütze galt als eiskalt. Dann die Verkündung: Uerdingen darf in der 3. Liga spielen. Kein Jubel, nur Erleichterung. So durfte ich in der vergangenen Saison nach Kaiserslautern & Karlsruhe sowie München & Meppen fahren statt nach Kleve & Kray.


Und in zwei Wochen spielt Uerdingen dann wieder im DFB-Pokal. Zum ersten Mal seit 2001. Gegen Borussia Dortmund. Ich habe zwei Tickets für Reihe 1, direkt am Spielfeldrand und neben mir wird derjenige sitzen, der Schuld an allem ist: Mein Großvater. Dieses Mal habe ich die Karten bezahlt und ihn überredet. „Ach, die verlieren doch eh!“, wird er vielleicht vor dem Anpfiff sagen und ich werde mit den Schultern zucken und sagen: Ja, aber eines Tages, Opa. Da wird es geschehen. Ja, da fahren wir nach Mailand, nur um Uerdingen zu sehen. Oder wieder nach Hönnepel-Niedermörmter. So oder so werde ich mit dabei sein. Denn wie jede vernünftige Liebesgeschichte endet auch diese Geschichte (hoffentlich): nie.

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JimPanse
vor 2 Jahren | Zuletzt bearbeitet vor 2 Jahren #2
Sehr schön geschrieben. Das Ende sogar leicht emotional. Daumen hoch. 


Wie sagt die Jugend heutzutage, ich fühl es. 

Grotenolm
vor 2 Jahren #3
Hammer. Sehr authentisch und spricht, so denke ich mal, sehr vielen hier aus der Seele. Zumindest mir.

Dieses Graue-Maus-Image und Underdog-Dasein ist eigentlich das, was mich damals auch faszinierend hat. 


Vllt gibt es ja mal die Möglichkeit, eine Art schriftliche Anekdotensammlung von Fans für Fans auf die Beine zu stellen. 


Daumen hoch, Johannes. 

Thomas13
vor 2 Jahren #4
Gefällt mir sehr. Daumen hoch, junger Mann!
TimK
vor 2 Jahren #5
Sehr geil. Hab sogar ein bisschen Gänsehaut :)
stefaneap
vor 2 Jahren #6
Top! Respekt ‼️
Matthi
vor 2 Jahren #7
Hallo Johannes, der Text gefällt mir gut. Er ist persönlich, aktuell und mit dem Anfang und dem Ende eine runde Sache.
Inrather61
vor 2 Jahren #8

Als Antwort auf Johannes (Beitrag ansehen)

Ganz toll, Johannes.

Ich fühle mich zurückgesetzt in die frühe Zeit.
Sehr authentisch.

Auch ich habe die Gnade der frühen Geburt.

Kriegt man beim Lesen ja "Gänsepelle".
Cello Ya
vor 2 Jahren #9
👍👍👍 sehr schön zu lesen!
KFC Alien
vor 2 Jahren #10
Klasse Text Jo ! Uerdingen Fan = Einfach! Anders !..als Alle(s) !!!!!
Cum grege non gradior :-)....
Gruss aus dem All
ocin
vor 2 Jahren #11
danke johannes, so oder so ähnlich haben es sicher einge von uns erlebt und deshalb bekommst du von mir ein emoticon ...
Rycor
vor 2 Jahren #12
Wow! Dein Text hat mich echt berührt. Richtig stark und Daumen hoch, Johannes! Blau-rote Grüße aus dem Exil in Mittelfranken, Rico
andi1
vor 2 Jahren #13
"Joernie" hatte schon im TV geglänzt...für Krefeld und den KFC...da war klar das da noch was kommt;)
Gelöschter User
vor 2 Jahren #14

Guter Text, aber ab 1995 war es der KFC Uerdingen 05.


"Zwischen 1971 und 1999 pendelt der Verein als „Bayer 05 Uerdingen“ zwischen erster und zweiter Liga hin und her "



Johannes
vor 1 Jahr #15

Kleiner Link-Tipp: Heute Abend um 20:30 Uhr gibt es die "Bundeslesung", bei der verschiedene Fußballautoren Texte zum Thema vortragen. Ich mache den Start und lese den Text von oben:

https://www.youtube.com/watch?v=znFjAv8ef0o

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